Chirotherapie-Informationen


AnfangBeschwerden, Krankheiten

Chirotherapie als Behandlungsmöglichkeit bei Skoliose

Von unseren Redaktionsmitgliedern Dr. med. Emmerich Verderber und Mareli Verderber, Stuttgart

Die Skoliose ist eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, wobei sich die Wirbelkörper auch noch gegeneinander verdrehen. Die häufigste Form der Skoliose ist die sogenannte idiopathische Skoliose, über deren Entstehung und Ursache man nichts weiß. Bei Kindern in der Wachstumsphase können die einzelnen Wirbel unterschiedlich stark wachsen und sich verformen und verdrehen. Je früher eine Skoliose entdeckt und behandelt wird, desto größer ist auch der Behandlungserfolg.

Sie können auch als Laie eine Skoliose bei Ihrem Kind feststellen, wenn Sie sich seinen nackten Oberkörper von hinten ansehen und darauf achten,

Wenn Abweichungen sichtbar sind, sollten Sie Ihr Kind durch einen Orthopäden untersuchen lassen. Eine Skoliose kann mit Röntgenaufnahmen noch genauer festgestellt werden.

Weitere Informationen über Skoliose gibt es auf den Internet-Seiten des gemeinnützigen Vereins Skoliose Aktiv e. V., den Sie unter den Weiteren Informationen finden.

Die Skoliose ist sehr häufig mit zahlreichen Blockierungen verbunden, bei denen die Chirotherapie helfen kann. Sie kann Schmerzen lindern und Fehlhaltungen verbessern. Außerdem kann die sogenannte Lendenausgleichsskoliose durch Blockierungen ausgelöst werden. Die Blockierung des ersten Halswirbels (des Atlaswirbels) kann nämlich zu scheinbaren Beinverkürzungen und Verwringungen des Beckens führen, welche man durch Lösen der Atlasblockierung beheben kann.

Nachfolgend drucken wir einen Vortrag von Dr. med. Emmerich Verderber aus Stuttgart in voller Länge ab, der noch ausführlicher auf die Möglichkeiten der Chirotherapie bei der Skoliose-Behandlung eingeht. Dieser Vortrag wurde beim Skoliose-Tag des Vereins Skoliose Aktiv e. V. am 28. April 2001 in Stuttgart gehalten.

Hier das Vortragsmanuskript:

Chirotherapie – Anwendung bei Skoliosepatienten als Behandlungsmöglichkeit

Bei rund 80 Prozent der Patienten, welche die orthopädische Praxis wegen wirbelsäulenbedingter Beschwerden aufsuchen, liegen funktionelle Störungen vor; der Rest verteilt sich auf andere wirbelsäulenbedingte Erkrankungen. Daraus können Sie ersehen, welch hohen Stellenwert die Chirotherapie eigentlich einnehmen sollte. Wie Sie im Verlauf meines Referats erkennen werden, kann sie eine wertvolle Bereicherung der üblichen konservativen Skoliosebehandlung darstellen, oft diese sogar erst ermöglichen. Gleich zu Beginn meines Referates möchte ich betonen: Sie stellt lediglich eine Säule der konservativen Behandlungsmethoden dar und kann und soll eine konsequente andere Behandlung wie zum Beispiel Krankengymnastik nicht ersetzen. Eine vertrauensvolle kollegiale Zusammenarbeit sämtlicher Beteiligten ist im Interesse der Patienten unerläßlich. Dabei hat der Chirotherapeut in der Regel nur eine zeitlich begrenzte Aufgabe zu erfüllen.

Bevor ich jedoch auf die spezielle Chirotherapie im Rahmen der Skoliose zu sprechen komme, ist es erforderlich, daß ich Sie mit einigen Grundvoraussetzungen vertraut mache, welche zum Verständnis absolut nötig sind.

Bereits die Berufsbezeichnung kann darüber Aufschluß geben, mit wem man es zu tun hat. Chirotherapeuten sind Ärzte, welche eine von der Ärztekammer vorgeschriebene Weiterbildung und Prüfung absolviert haben. Nur bei diesen, so weit sie über eine Kassenzulassung verfügen, werden zwei Behandlungen pro Quartal von der Krankenkasse bezahlt. Chiropraktiker dagegen sind in der Regel Nichtärzte, meist Heilpraktiker, gelegentlich mit einem Diplom aus den USA, welche auch, sofern sie einen Doktortitel der Chirotherapie in den USA erworben haben, als Chiropraktoren bezeichnet werden. Unsere Ärztekammern erkennen diese Diplome nicht an, weil die Ausbildung uneinheitlich, also die Qualität nicht immer gleich ist.

Was ist Chirotherapie, und was kann man mit Chirotherapie behandeln?

Chirotherapie ist die Behandlung von reversiblen, das heißt rückbildungsfähigen Funktionsstörungen der Wirbelsäule und Gelenke, welche als Blockierung bezeichnet werden. Das Wort Chirotherapie leitet sich von „Chiros“ - der Hand - ab, es erfolgt also eine Behandlung im engeren Sinn, weil sowohl die Behandlung als auch die Diagnose ausschließlich von Hand gestellt werden. Zusätzliche Untersuchungen sind lediglich zum Ausschluß von Gegenanzeigen erforderlich. „Rückbildungsfähig“ bedeutet, daß nach der Behandlung der Normalzustand wieder erreicht ist, im Gegensatz zu anatomischen Veränderungen wie zum Beispiel Verschleiß, wo nur die Beschwerden, aber nicht eine bereits fortgeschrittene Gewebszerstörung behoben werden können.

Bei der Chirotherapie handelt es sich um eine uralte Behandlungsmethode, welche schon bei den alten Indern bekannt war; auch die Griechen, insbesondere Hippokrates, beschäftigten sich damit. Hippokrates erkannte bereits die zentrale Stellung der Wirbelsäule und sagte, die Wirbelsäule trage Ursache und Wirkung in Eins. Er erkannte damit etwas, für dessen wissenschaftliche Erklärung wir weitere 2000 Jahre gebraucht haben. Er beschrieb auch, daß man die Wirbel zurecht drücken müsse. Später beschäftigten sich namhafte Ärzte des Altertums mit der Chirotherapie. Im späten Mittelalter ging sie auf Laienbehandler über und kam erst im vorigen Jahrhundert über Amerika und die Schweiz wieder uns.

Welche Ursachen können zur Blockierung führen?

Sehr lange nahm man an, daß Verrenkungen der Wirbel oder Nerveneinklemmungen die Ursache seien. Dies hat sich auch im Sprachgebrauch bis heute erhalten. Wobei ich sagen muß, daß ich den Ausdruck „einrenken“ als ausgesprochen unglücklich empfinde, weil er der Sache in keiner Weise gerecht wird. Schon allein durch die Wortwahl führt er zu einem negativen Vorurteil. Im Übrigen ist eine Verrenkung ein Zustand, bei dem sich die Gelenksflächen ganz oder teilweise voneinander entfernt haben. Man stelle sich dies an der Wirbelsäule, speziell an der Halswirbelsäule vor; das würde bedeuten, daß sich der Chirotherapeut im Strafgesetzbuch zwischen schwerer Körperverletzung und Mord bewegt. Wir ziehen daher die Worte „Lösen einer Blockierung“ oder „Deblockierung“ vor. Auch ein eingeklemmter Nerv spielt keine Rolle, sondern es existieren neue neurophysiologische Untersuchungen, welche zu ganz anderen Ergebnissen führen und dieses Geschehen so erklären, daß es für alle Beteiligten verständlich und befriedigend ist.

Wenn wir die Blockierung ins Zentrum unserer Betrachtungen stellen, dann stellt sich die Frage nach den Ursachen, die zu einer Blockierung führen.

[ Blockierungsursachen: 1. Über- und Fehlbelastungen, und zwar statisch (als Fehlhaltung) oder dynamisch (als Fehlbewegung); 2. Traumen; 3. Reflektorische Vorgänge (z. B. innere Organe) ]
Schema 1: Blockierungsursachen

Blockierungsursachen können entweder Über- oder Fehlbelastungen sein, entweder statisch, zum Beispiel bei einer skoliotischen Fehlhaltung, oder dynamisch durch eine Fehlbewegung. Wobei Übergänge zu Traumen, also Verletzungen, durchaus möglich sind. Als Beispiel für eine Fehlbewegung möchte ich nur auf den akuten Kreuzschmerz erwähnen, wie er bei gebeugter Haltung mit einer zusätzlichen Drehbewegung auftreten kann, also ein Verheben, wie es beim Herausheben einer Sprudelkiste aus dem Kofferraum eines PKW vorkommen kann. Traumatische Einwirkungen kommen zum Beispiel beim allseits bekannten Schleudertrauma vor. Dieses führt in leichten Fällen zu einer Zerrung und zu Blockierungen.

Reflektorische Vorgänge, wie sie bei Erkrankungen der inneren Organe auftreten, zum Beispiel bei Darm- oder Nierenerkrankungen, können zu sekundären Blockierungen führen. Sie kommen immer wieder, können erst nach Ausheilen der Grundkrankheit zum Verschwinden gebracht werden und bleiben dann auch weg.

Wie erklären wir uns nach unseren heutigen Vorstellungen eine Blockierung?

[ Die schematische Darstellung der Nocizeptorenreizverarbeitung wird nachfolgend auch im Text beschrieben. ]
Schema 2: Verarbeitung eines Nocizeptorenreizes (Schadensmeldung)

Es handelt sich um einen Nocizeptorenreiz. Die Nocizeptoren sind Schadensmelder, welche gerade in der Gelenkskapsel der Wirbelgelenke dicht angesiedelt sind. Eine solche Schadensmeldung wird über die hintere Wurzel in das Rückenmark geleitet und landet in der Schmetterlingsfigur des Rückenmarks im Hinterhorn. Dieses ist die erste große Schaltstelle und Sitz der Störung, von hier erfolgt eine Verkabelung einerseits nach vorne, andererseits zum Seitenhorn, nach zentral, zur Haut und auch zur anderen Seite. Vom Vorderhorn wird über die vordere Wurzel die Muskulatur beeinflußt. Dabei erfolgt einerseits eine Anspannung der kleinen Muskeln, welche das Wirbelgelenk umgeben und dadurch zu einer Einschränkung der Beweglichkeit dieses Gelenkes führen. Andererseits können auch noch andere Muskelgruppen betroffen sein, also auch große Muskeln; man denke nur an die starke Verspannung der Rückenmuskulatur beim Hexenschuß. Sowohl eine Zunahme als auch eine Abschwächung des Muskeltonus (also der Muskelspannung) ist möglich. Im Allgemeinen gilt die Regel, daß bei der Haltemuskulatur der Tonus verstärkt wird, während bei Muskeln, welche mehr für die Bewegung zuständig sind, eine Abschwächung erfolgt.

Im Seitenhorn befinden sich die vegetativen Fasern, und hier wird der Nervus sympathicus beeinflußt, welcher vor allem für Alarm- und Abwehrreaktionen zuständig ist.

Die Verbindungen mit der Haut führen dazu, daß im betroffenen Segment die Empfindlichkeit für Reize herabgesetzt wird.

Infolge der Verbindungen zur anderen Seite kommt es dazu, daß die Ursache einer Störung durchaus auf der Gegenseite liegen kann. Durch die nach zentral aufsteigenden Bahnen können über die im verlängerten Mark befindlichen vegetativen Zentren noch weitere vegetative Symptome ausgelöst werden. Dadurch, daß auch Verbindungen zu den einzelnen Kerngebieten des Großhirns bestehen, kann eine Vielzahl von Störungen auftreten. Schließlich ist auch noch die Großhirnrinde betroffen, womit uns durch den meist im Vordergrund stehenden Schmerz das Ganze erst bewußt wird. Die Schadensmelder melden also der Zentrale: „Sorge dafür, daß diese Störung behoben wird, bevor ein nicht mehr zu reparierender Zustand eintritt!“. Die von der Blockierung ausgehenden Beschwerden werden als „pseudoradikulär“ bezeichnet, das heißt „falscher Nervenwurzelreiz“.

Welche Beschwerden bezeichnen wir als pseudoradikulär?

Infolge bereits vor dem Rückenmark liegender Querverbindungen ist die Lage der Schadensursache nicht exakt zuzuordnen und die dadurch entstandenen Beschwerden vielfältig, wie aus dem bereits Gesagten hervorgeht.

Es können Schmerzen nicht nur am Ort der Blockierung auftreten, sondern sämtliche Strukturen sind betroffen. Das fängt bei der Haut an, wo das Gefühl herabgesetzt oder verstärkt sein kann oder Mißempfindungen auftreten. Das Unterhautgewebe kann verdickt und, besonders bei Scherbewegungen, stark schmerzhaft sein. Auch die Muskel-Sehnenansätze, die Beinhaut und die Muskulatur sowie Gelenke können schmerzen. Wie bereits ausgeführt, kann die Muskulatur verspannt oder in der Kraft herabgesetzt sein. Dabei müssen Schmerzen nicht durchgehend sein; es finden sich durchaus schmerzfreie Areale dazwischen. Der ganze Zustand wird oft fälschlich als Weichteilrheumatismus bezeichnet, obwohl er mit Rheumatismus überhaupt nichts zu tun hat.

Dazu können noch vegetative Störungen, wie Schwindel, Kreislaufprobleme und auch Herzbeschwerden kommen, ebenso wie unklare Bauchsymptome.

Auch Schluckbeschwerden, Heiserkeit, Sehstörungen - besonders verschwommenes Sehen -, Hörstörungen, Kopfdruck, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen sind nicht selten.

Charakteristisch ist auch, daß die Schmerzen unter Bewegung meist nachlassen und die Lokalisation und Stärke wechseln.

Natürlich ist das Ganze keine Einbahnstraße.

[ Die schematische Darstellung der Wechselwirkungen bei einer Blockierung zeigt, daß insbesondere die Kompensation zu weiteren Blockierungen führen kann, wie nachfolgend im Text beschrieben. ]
Schema 3: Wechselwirkungen bei einer Blockierung

Wie wir bereits sahen, kann ein Trauma oder eine Fehlhaltung zur Blockierung führen. Diese Blockierung wird vom Körper durch abnorm verstärkte Beweglichkeit umgebender Wirbelsäulenabschnitte kompensiert. Wobei dies sozusagen in einer unteren Ebene abgehandelt werden kann, uns also nicht einmal bewußt wird. Wir nennen dies eine stumme Blockierung. Die abnorme Beweglichkeit führt naturgemäß zu einer Überlastung dieser Abschnitte und damit zu weiteren Blockierungen. Diese Blockierungen führen zu weiteren Muskelfehlsteuerungen und so weiter.

Störungen des Vegetativums (also des vegetativen Nervensystems), vor allem innerer Organe, können den umgekehrten Weg gehen und ständig wiederkehrende Blockierungen hervorrufen. Hier muß zuerst die zugrundeliegende innere Erkrankung ausgeheilt sein, und dann bringt die Deblockierung auch einen endgültigen und dauerhaften Erfolg.

Da nicht nur die Wirbelgelenke, sondern auch die übrigen Gelenke sowie die Beinhaut mit Nocizeptoren bestückt sind, kann der Ausgangspunkt durchaus auch dort liegen. Auf jeden Fall sollte man sie mitbehandeln, falls man dort etwas feststellt.

Aus dem bisher Gesagten geht klar hervor, daß nur die Behandlung der gesamten Wirbelsäule sinnvoll und auch erfolgreich ist. Dazu gehört auch die Mituntersuchung bestimmter Gelenke, welche ebenfalls eine wesentliche Mitursache und eine Ursache für ständig wiederkehrende Blockierungen darstellen können.

Die Behandlung einer Blockierung in einem Abschnitt allein bringt nichts und ist daher abzulehnen.

Woran erkennt man eine Blockierung?

  1. Am gestörten Gelenkspiel. Jedes Gelenk hat einen elastischen Anschlag, das heißt, es läßt sich in den Endgraden noch etwas weiter bewegen. Im blockierten Gelenk ist ein plötzlicher Stop. Die Gelenksbeweglichkeit ist auch meist deutlich eingeschränkt.
  2. An der Wirbelsäule findet man noch eine druckschmerzhafte Verhärtung neben den Dornfortsätzen, welche als Irritationszone bezeichnet wird. Diese verändert ihre Größe und damit ihre Schmerzhaftigkeit, je nachdem, wie wir fremdtätig bewegen.

Dabei wird die schmerzhafte Richtung als „gesperrt“ bezeichnet. Unsere Behandlung erfolgt in die umgekehrte Richtung; wir bezeichnen sie als „freie Richtung“. Auf diese Art ist ein versierter Chirotherapeut nicht nur in der Lage, Ort und Richtung der Schmerzzunahme festzustellen, sondern ist auch gleichzeitig in der Lage, auf diese Art eine schmerzfreie und äußerst risikoarme Behandlung durchzufahren.

Der Behandlungserfolg ist sofort durch das Verschwinden der Irritationszone und Nachlassen der Schmerzen sowie Besserung der Gelenksbeweglichkeit erkennbar.

Behandlungsmöglichkeiten sind entweder die Mobilisation oder die Manipulation.

Die Mobilisation besteht vorsichtigen, immer wiederkehrenden elastischen Dehnungen. Diese Behandlung wird auch von Krankengymnasten in Form der manuellen Therapie durchgeführt.

Dagegen ist die Manipulation Ärzten vorbehalten. Sie besteht darin, daß aus einem in der freien Richtung gehaltenen Spannungszustand ein kleiner Impuls daraufgesetzt wird, welcher nicht mehr als ein Zehntel der vorher gehaltenen Spannung betragen soll. Die Stellung, welche dabei vom Patienten eingenommen wird, folgt strengen Grundsätzen. Vor der Manipulation wird ein Probezug ausgeführt; dadurch werden Gegenanzeigen ausgeschlossen. Sollten dabei ausstrahlende Schmerzen, Schwindel oder Ähnliches auftreten, ist dies als Gegenanzeige zu betrachten, und es darf keine Chirotherapie erfolgen. Unter der Behandlung kann, muß aber nicht, ein Knacken auftreten, welches lediglich anzeigt, daß das Gelenk zum Klaffen gebracht wurde. Dies als Zeichen einer vorher bestehenden Blockierung zu werten, ist in den Bereich der Fabel zu verweisen und hat mit seriöser Chirotherapie nichts zu tun.

Nach all diesen Vorbemerkungen, welche für das Verständnis erforderlich sind, wollen Sie endlich wissen:

Was hat das Ganze mit der Skoliose zu tun?

Jetzt muß ich nochmals auf mein Schema mit der im Zentrum stehenden Blockierung (Schema 3) zurückkommen. Sie sehen, daß die Fehlhaltung – und dazu gehört die Skoliose – mit ihrer muskulären Disbalance zu Blockierungen neigt. Diese Blockierungen führen wieder zu einer Muskelfehlsteuerung, welche einerseits die Fehlhaltung verstärkt, andererseits durch Schmerzen einen sinnvollen Muskelaufbau und ein sinnvolles Training behindert, ja geradezu verhindert und einer Schwächung der Muskulatur Vorschub leistet, wodurch die ohnehin stark eingeschränkte Leistungsbreite noch weiter verkleinert wird.

Darauf, daß eine Blockierung andere nach sich zieht, bin ich schon eingegangen. Gerade Patienten mit Skoliose sind, wenn sie zur Behandlung kommen, fast immer von oben bis unten blockiert, und ich kann in diesem Zusammenhang nur immer wieder auf die Wichtigkeit der Ganzbehandlung hinweisen. Besondere Schwachstellen sind dabei ganz oben und ganz unten und die Übergangsregionen, wie die Übergänge Kopf-Halswirbelsäule-Brustwirbelsäule, Brustwirbelsäule-Lendenwirbelsäule und Lendenwirbelsäule-Kreuzbein, wobei die größte Wichtigkeit ganz oben und ganz unten liegt.

Ich beginne also ganz oben. Sehr häufig führen Atlasblockierungen, also Blockierungen des ersten Halswirbels, zu erheblichen Störungen des Muskelgleichgewichts und zu einer scheinbaren Beinverkürzung mit Beckenverwringung, wobei sich noch andere Blockierungen anschließen. Diese Zustände können nicht nur beim Erwachsenen, sondern auch bei Kindern (juvenile idiopathische Skoliose) und Säuglingen auftreten. Nach unseren Erkenntnissen können beim Säugling während des Geburtsvorganges Blockierungen des Atlaswirbels auftreten und diese nicht nur zum Schreikind, sondern auch zu Dreimonatskrämpfen und Fehlhaltungen der Wirbelsäule (C-Skoliose, Hüftreifungsstörungen) sowie zum Schiefhals führen. Dieser ganze Beschwerdekomplex wird in der Literatur als KiSS-Syndrom (KiSS = Kopfgelenksinduzierte Symmetriestörung) bezeichnet. Bisher sind wir immer davon ausgegangen, daß „ganz unten“ am Kreuzbein-Darmbein-Gelenk bedeutet. Stimmt nicht, „ganz unten“ ist wirklich ganz unten, nämlich am Fuß. Störungen des Muskelgleichgewichtes mit scheinbarer Beinverkürzung und Beckenverwringung können genau gleich wie durch Atlasblockierung auch durch Blockierungen am Fuß ausgelöst werden. Gerade bei der Skoliose sind auch die Rippen-Wirbel-Gelenke in einem erheblichen Ausmaß an Schmerzen und Fehlhaltungen beteiligt. Dabei werden oft halbkreisförmige Schmerzen, oft mit Behinderung der Atmung angegeben.

Im Gefolge dieser Blockierungen bestehen auch noch häufig Blockierungen der Schlüsselbein-Schwertbein-Gelenke.

Zum Schluß ist auch das Kiefergelenk nicht zu vergessen, welches eine enorme Reizantwort besitzt und die Ursache für immer wiederkehrende Atlasblockierungen sein kann.

Sie können aus dem bisher Gesagten erkennen, welch ein komplexes Gebilde der menschliche Körper ist, und wie viele Dinge zu berücksichtigen sind, wenn man eine verantwortungsvolle und effektive Diagnose und Therapie betreiben will.

Zusammenfassend ist die Chirotherapie eine sehr erfolgreiche und zweckmäßige Ergänzung der üblichen Behandlungsformen und macht diese gelegentlich erst möglich, weil sie geeignet ist, durch Muskelfehlsteuerungen bedingte Muskelfehlstellungen zu beheben, und dadurch erst die Möglichkeit zu einer sinnvollen Muskelschulung gibt. Dies vor allem, weil etwaige Schmerzzustände durch die Chirotherapie in einem hohen Prozentsatz beseitigt oder zumindest wesentlich gebessert werden. Da die blockierungsbedingten Muskelfehlsteuerungen behoben werden, kann sich auch die Haltung verbessern. Funkionell durch Beckenverwringung entstandene Lendenausgleichsskoliosen können sich durch Chirotherapie zurückbilden.

Neuere Untersuchungen über die Chirotherapie bei Kindern (im Durchschnittsalter von 8 Jahren) zeigen überraschend gute Ergebnisse auch bei progredienter idiopathischer Skoliose. Hier wurde die Chirotherapie allerdings in Zusammenarbeit mit Krankengymnasten einmal wöchentlich durchgeführt, zunächst ein halbes Jahr lang. Die Besserungsquote lag bei 96 Prozent; nur in einem Falle war ein Korsett erforderlich.

Weitere Artikel zum Thema

-----------

Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Zurück zur Übersicht

Zurück zur Anfangsseite


Chirotherapie-Informationen.de