Chirotherapie-Informationen


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Komplikationen bei der Chirotherapie

Von unseren Redaktionsmitgliedern Dr. med. Emmerich Verderber und Mareli Verderber, Stuttgart

Schlaganfälle im Zusammenhang mit der Chirotherapie

Obwohl Komplikationen in der Chirotherapie äußerst selten sind, wird trotzdem in der Presse immer wieder in übertriebener Form darüber berichtet. Verantwortlich für diese Zwischenfälle, für die der Chirotherapeut zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt wird, ist eine Bindegewebsschwäche, welche die Gefäße entlang der Halswirbelsäule, welche das Hirn versorgen, leichter reißen läßt. Dabei kommt es zu einer Einblutung in die Gefäßwand. Ist diese mehr in den Innenraum, also gegen den Blutstrom gerichtet, verengt sich die Blutbahn. Ist sie mehr nach außen gerichtet, entsteht eine Vorwölbung nach außen, aus der sich später ein sogenanntes Aneurysma bilden kann.

Auch ein Riß der Gefäßinnenhaut mit nachfolgender Bildung eines Blutgerinnsels ist möglich. Wenn sich das Blutgerinnsel löst, kann es das Gefäßsystem völlig verschließen. Die Folgen dieser Störungen werden im Volksmund als Schlaganfall bezeichnet. Sie können sich völlig zurückbilden oder auch als mehr oder weniger starke Behinderungen zurück bleiben. In ganz seltenen Fällen sind auch Todesfälle möglich.

Es gibt derzeit keine uns bekannte Untersuchungsmethode, an der wir gefährdete Personen erkennen können. Natürlich achtet ein verantwortungsbewußter Arzt darauf, ob bereits irgendwelche, auch nur geringste Auffälligkeiten vorliegen.

Das klingt erschreckend, und der Patient fragt sich, ob er ein solches Risiko eingehen soll.

Als Hilfe zur Risikoabschätzung, die nur an Hand vorhandener Daten (so weit diese überhaupt vorliegen, meist handelt es sich nämlich um Schätzungen) und im Vergleich mit anderen Behandlungsmethoden möglich ist, veröffentlichen wir hier einige Daten.

Bekanntlich werden in Amerika die meisten Chirotherapien gemacht, schätzungsweise 270 Millionen jährlich, wobei es sich bei den Therapeuten sehr oft nicht um Ärzte handelt.

1999 wurden in einer Arbeit sämtliche in der englischsprachigen Literatur beschriebenen Schlaganfälle zusammengefaßt. Es handelte sich um insgesamt 367 Fälle, die auf die oben genannten Ursachen zurückgeführt wurden.

Dabei wurden als Auslöser folgende Ursachen aufgelistet:

Bagatelltraumen können durch Arbeiten entstehen, die über Kopf ausgeführt werden, wie zum Beispiel Fensterputzen, Tapezieren, Aufhängen der Vorhänge. Sehr häufig wurde eine Drehbewegung beim Rückwärtseinparken angegeben. Auch sportliche Aktivitäten wie Ballspiele oder Zwangshaltungen wie das Einklemmen des Telefons zwischen Hals und Schulter bei einem längeren Gespräch, ja selbst das Festziehen eines Fahrradhelms wurden als Ursache genannt.

Daraus läßt sich bereits ersehen, daß die Chirotherapie nur in einem knappen Drittel der Fälle überhaupt als Auslöser diskutiert wird. Sogar dieses Drittel läßt sich weiter einengen, wenn ein gut ausgebildeter Chirotherapeut aufgesucht wird. Dieser beherrscht nicht nur die Diagnostik, sondern erkennt, soweit vorhanden, diskrete Zeichen eines Gefäßverschlusses. Er sorgt auch mit einer schonenden Technik für ein minimales Risiko. In Zahlen ausgedrückt – wir sind auf Schätzungen angewiesen – kommt ein Zwischenfall auf 750.000 bis 2 Millionen Behandlungen. Ernstere Zwischenfälle liegen jenseits von 1,4 Millionen Behandlungen.

Der Tagespresse sind dagegen Risiken anderer Behandlungsformen zu entnehmen:

Amerikanische Autoren haben Acetylsalicylsäure, die in sehr vielen Schmerz- und Blutverdünnungsmitteln enthalten ist, und Chirotherapie verglichen. Dabei lag die Nebenwirkungsquote der Medikamente 400 Mal höher und das Risiko eines Todesfalles 4.000 Mal höher.

So bedauerlich jeder Zwischenfall ist, bei dem ein Patient zu Schaden kommt: Eine risikofreie Behandlung gibt es nicht. Aber anhand dieser Zahlen leuchtet wohl ein, daß die Chirotherapie eine äußerst risikoarme Methode ist, die anderen, vergleichbaren Behandlungsmethoden überlegen ist. Während andere Gefahren als unvermeidlich hingenommen werden, werden die wenigen Zwischenfälle die man der Chirotherapie zuschreibt, in geradezu sensationslüsterner Weise, vermutlich aus Unkenntnis, hochgespielt.

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Chirotherapie bei Bandscheibenvorfällen

Oft wird der Chirotherapeut von Patienten, die einen Bandscheibenvorfall haben, als letzte Hoffnung aufgesucht, um eine Operation zu vermeiden. Die Behandlung kann durchaus erfolgreich sein, gelegentlich verstärken sich aber die Beschwerden, so daß dann doch eine Operation nötig ist. Natürlich wird ein guter Therapeut seinen Patienten vor der Behandlung über eine mögliche Verschlimmerung aufklären.

In einem Fall, der zum Prozeß führte, hatte ein Chirotherapeut nachweislich richtig behandelt und wurde deswegen auch freigesprochen. Trotzdem wurde er vom Oberlandesgericht Stuttgart in einem Urteil vom 20. Februar 1997 zu Schadenersatz verurteilt, weil er den Patienten zwar auf eine mögliche Verschlimmerung hingewiesen hatte, aber nicht auf eine möglicherweise unumgängliche Operation. Dabei spielte es auch keine Rolle, ob die Operationsnotwendigkeit durch die Chirotherapie oder durch den begleitenden, maschinellen Aufbau der Rückenmuskulatur bei der Krankengymnastik entstanden sei – auch darauf hätte er hinweisen müssen. Durch die fehlende Information sei dem Patienten das Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt worden, ob er sich diesen Behandlungen unterziehen wolle, so das Gericht.

Kommentar:

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird das nächste Urteil vielleicht lauten: „Als Chirotherapeut haben Sie den Patienten darüber aufzuklären, daß es riskant ist, sich zu drehen, sich umzuwenden, sich zu strecken, sich zu bücken, Sport oder Muskelaufbau zu betreiben, etwas zu heben, auf der Toilette zu pressen oder gar Intimverkehr auszuüben (als mögliche Ursachen für Schlaganfälle und insbesondere Bagatelltraumen).

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Das Wallenbergsyndrom

Eine von allen Chirotherapeuten gefürchtete Komplikation ist das Wallenbergsyndrom, das im Wesentlichen einem Schlaganfall entspricht. Es wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts von Wallenberg und anderen beschrieben. Es entsteht durch Einengung der hirnversorgenden Gefäße und weist folgende Hauptzeichen auf:

Das Wallenbergsyndrom ist sehr selten, und die Frage, inwieweit der Chirotherapeut als Verursacher überhaupt in Frage kommt, ist nicht geklärt. Denn spontane Gefäßverschlüsse ohne erkennbare Ursache sind überaus häufig.

Behandelt der Chirotherapeut gerade dann eine Blockierung, wenn ein Wallenbergsyndrom entsteht und noch keinerlei Anzeichen dafür vorliegen, hat der Chirotherapeut den Schwarzen Peter, weil er seine Unschuld schwer beweisen kann.

Inzwischen sind allerdings die meisten Gutachter der Meinung, daß die Chirotherapie lediglich eine Gelegenheitsursache bei einer angeborenen Bindegewebsschwäche darstellt. Doch bis ein solcher Fall entschieden ist, vergeht viel Zeit, und der Arzt hat zur Sorge um den Patienten und sich selbst auch noch die üble Nachrede. Dabei wird immer wieder vergessen, daß es keine risikolose Behandlung gibt und ein Wallenbergsyndrom viele Ursachen haben kann. Zum Beispiel können Rauchen, eine heftige Umarmung und auch die Antibabypille zu einer erhöhten Blutgerinnselbildung führen.

Im Dezember 2001 schilderte der Chirotherapeut Dr. med. Emmerich Verderber aus Stuttgart folgenden Fall aus seiner Praxis:

„Vor drei Wochen kam ein langjähriger Patient zu mir, den ich schon einige Male chirotherapeutisch behandelt hatte. Das letzte Mal sah ich den 50jährigen Regionalpolitiker vor zwei Jahren. Jetzt bekam er vor vier Wochen plötzlich starke Kopfschmerzen, konnte nicht mehr richtig sprechen, die eine Gesichtshälfte war pelzig, der linke Arm hing herunter, in den Fingern hatte er kein Gefühl und konnte sich auch nicht richtig bewegen. An eine auslösende Ursache konnte er sich nicht erinnern. Er war bei mehreren Ärzten, die ihm erklärten, daß sich die Beschwerden langsam wieder zurückbilden würden. Er hoffte aber, daß ich ihm mit einer Chirotherapie helfen könnte.

Ich erkannte sofort, daß es sich dabei um ein Wallenbergsyndrom handelte. Es war das erste und einzige Wallenbergsyndrom, das ich nach mehr als 30jähriger intensiver Chirotherapie gesehen habe. Woran man erkennen kann, wie extrem selten es vorkommt.

Da es sich bei ihm um ein klassisches Wallenbergsyndrom handelte, welches sich bereits zurückbildete, kam eine Chirotherapie natürlich absolut nicht in Frage. Interessant war in diesem Fall die Erkenntnis, daß trotz einer zweifellos vorhandenen Veranlagung des Gefäßsystems eine schonende Chirotherapie durch mich als erfahrenen Therapeuten in der Vergangenheit keine Konsequenzen hatte.

Hätte ich dagegen eine Blockierung gefunden und gelöst, als sein Wallenbergsyndrom noch nicht erkennbar war, hätte man meine Chirotherapie möglicherweise als Ursache angesehen.“

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Ein Kongreßvortrag über Komplikationen in der Chirotherapie

Für diejenigen, die sich genauer damit befassen wollen, welche Komplikationen wie häufig in der Chirotherapie auftreten, drucken wir nachfolgend einen Vortrag ab, der am 1.7.2000 von Dr. med. Emmerich Verderber aus Stuttgart bei einem Chirotherapie-Kongreß gehalten wurde. Da es sich um einen Fachkongreß für Ärzte handelte, ist der Text für Laien etwas schwierig zu lesen, aber immerhin noch verständlich genug, um ihn als Material zur Verfügung zu stellen.

Hier nun das Vortragsmanuskript:

Komplikationen in der Chirotherapie und ihre Darstellung in den Medien

Genauso wie Sie ärgere ich mich immer wieder über Presseartikel oder Fernsehbeiträge, die in meist einseitiger und oft auch reißerischer Aufmachung über Zwischenfälle bei der Chirotherapie berichten. Dabei handelt es sich nicht nur um Laienpresse, sondern auch um Fachzeitschriften, die im Ruf stehen, seriös zu sein. Auf diese Veröffentlichungen wurde ich im Kollegenkreis des öfteren angesprochen. Darum habe ich dieses Thema für meinen Kongreßbeitrag gewählt.

Es nützt nichts, hier eine einseitige Medienschelte zu veranstalten, damit würde ich mich lediglich auf das Niveau einiger dieser Artikelschreiber begeben. Sachliche Fakten müssen aber Beachtung finden. Ich werde also versuchen, möglichst objektiv an mein Thema heranzugehen, um dann zu einer gerechten Beurteilung darüber zu kommen, ob und welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollen.

Was verstehen wir unter Komplikationen, was ist ihre Ursache, wie oft kommen sie vor und wer kommt als Verursacher in Frage? In wie weit kommt die Chirotherapie überhaupt als Ursache in Frage?

Komplikationen betreffen in erster Linie die Halswirbelsäule und hier wieder vorwiegend das Vertebralis-basilaris-Gefäßsystem. Zwar können sich die beiden Vertebralarterien gegenseitig vertreten, aber nicht immer ausreichend. Infolge der zahlreichen Gefäßanomalien, sowohl der Arteria vertebralis als auch des Circulus arteriosus Willisi bestehen schon von der Anatomie her zahlreiche Möglichkeiten einer Minderdurchblutung. Und, als ob dies nicht genügen würde, kommen noch Veränderungen des Gefäßlumens hinzu.

Dabei kann es sich um eine Einengung der Strombahn der Arteria vertebralis und, noch schlimmer, um eine pathologische Zerreißbarkeit der Intima der Arteria vertebralis handeln. Hier scheint besonders die fibromuskuläre Dysplasie, also eine angebotene Bindegewebsschwäche, eine große Rolle zu spielen. Übrige Ursachen sind eher selten, wie zum Beispiel übersehene Unfallfolgen oder eine Wirbelfraktur nach einer nicht erkannten Carcinommetastase.

Es ist also Wolf nur zuzustimmen, der schreibt: „Die einzig gravierenden oder letalen Zwischenfälle betreffen die Vertebralarterien.

Wir können bei einer Komplikation folgende Symptome erwarten:

Als Hauptkomplikation gilt das Wallenbergsyndrom, auf welches ich später noch zurück komme.

Die Beurteilung der tatsächlichen Komplikationshäufigkeit an Hand der mir zugänglichen Literatur ist ungemein schwierig, weil inhomogene Gruppen und oft auch unvollständige Angaben vorliegen. Besonders beliebt sind Komplikationsangaben lediglich nach Jahreszahlen. Dann wird meistens hochgerechnet, wobei irgend eine Zahl herauskommt. Oft begnügt man sich auch nur mit einer Schätzung der Komplikationshäufigkeit, bei der die Art der Komplikation nicht näher erläutert wird.

Welch unterschiedliche Zahlen dabei herauskommen, soll Ihnen die folgende Literaturübersicht zeigen:

Autor, Aufsatz Anzahl Komplikationen Bemerkungen
Lewit 1 pro 400.000  
Wolf

1 pro 250.000,

tödlich 1 pro 1 bis 1,5 Mio.

 
Patjin:
Literaturübersicht bis 1993

129 Fälle,

Computerschätzung:
1 pro 500.000

Arteria vertebralis 65 %,
Discushernien 22,5 %
Alendelft et al.:
Literaturübersicht bis 1993
295 Fälle 61 Discushernien oder Cauda-equina-Syndrome
Lee et al.:
American Acad. of Neurology
Mitgliederbefragung 1992–93
102 Fälle

53 Arteria vertebralis,
25 Dissektionen,

6 Behandler für 39 Zwischenfälle verantwortlich

Szabela et al.:
Literaturübersicht 19896–96
50 Fälle 28 Arteria vertebralis,
1 Hirnstammarterie
Amerikanische Gesellschaft der Chiropraktiker 20 pro 400.000  
Amerikanische Gesellschaft der Chiropraktiker in Kalifornien 53 pro 30 Mio. Apoplexien
Graf und Baumann 1997:
Komplikationen in Deutschland 1991
146 pro 14 Mio.,
also 1 pro 670.000
Schwere Komplikationen
1 pro 1,4 Mio.
Dvorak und Orneli 1982:
Umfrage SÄMM

1408 pro 2.268.000,

HWS: 1255 pro 2.268.000,

ernste Zwischenfälle:
1 pro 400.000

Fallzahlen auf 33 Berufsjahre hochgerechnet. Bei insgesamt 2.268.000 Fällen treten auf:
  • Schwindel: 1218,
  • Bewußtlosigkeit (Sekunden bis 5 Minuten): 12,
  • Neurologische Ausfälle: 11,
  • Wallenberg-Syndrom (ohne bleibende wesentliche Behinderung): 4
Hurwitz et al. 1996

Laesion Arteriae vertebralis:
1 pro 5 bis 10 Mio.,

Tödliche Komplikationen:
1 pro 3 bis 10 Mio.

 

Diese grobe Übersicht zeigt, welch enorme Schwankungen bezüglich der Komplikationen und der Behandlungsfrequenz bestehen. Eine realistische Einschätzung der Komplikationen wird auch noch dadurch erschwert, daß eine Unzahl weiblicher und männlicher Behandler mit unterschiedlicher und oft auch unvollkommener Ausbildung hier ihren Markt sehen. Die Palette reicht vom Laienbehandler über Masseure, Krankengymnasten, Heilpraktiker bis zu den Chiropraktoren und Osteopathen mit oder ohne anglikanisches Diplom. Wie groß die Qualitätsunterschiede auch im gepriesenen Amerika sein können, zeigt die Arbeit aus Kalifornien, wonach mehr als ein Drittel der Zwischenfälle durch sechs Behandler verursacht wurden.

Wir Ärzte schwimmen in diesem großen Teich herum, und wenn etwas passiert, sind wir die einzigen Hechte, die an den armen Patienten-Fischlein herum geknabbert haben.

Bevor ich mich der Darstellung unserer Behandlungsmethode in den Medien zuwende, stelle ich klar und eindeutig fest: Jeder Zwischenfall, und sei es auch nur der kleinste, ist mehr als bedauerlich. Und ganz besonders schlimm ist es, wenn dabei eine irreversible Störung oder ein Todesfall eintritt. Es ist unser Pflicht und Schuldigkeit, Fehler zu vermeiden und nach Möglichkeit abzustellen.

Aber es gibt keinen absolut risikolosen ärztlichen Eingriff, das wissen wir alle, und dies gilt selbstverständlich auch für die Chirotherapie. Sie ist jedoch im Vergleich mit anderen Behandlungsmethoden extrem risikoarm.

Eine amerikanische Studie zeigt, daß allein bei den nicht steroidalen Antirheumatika das Risiko eines Zwischenfalles 400 Mal größer und das Todesfallrisiko 4000 Mal größer ist als bei der Chirotherapie.

Käme deswegen Jemand auf die Idee eine Überschrift zu verfassen: „Durch Medikament vergiftet, jetzt tot“?

Natürlich nicht.

Dafür kann bei der Chirotherapie die Überschrift nicht „an-griffig“ genug sein. Dazu zwei Beispiele, die ich in letzter Zeit aus dem Kollegenkreis erhalten habe:

  1. Über einem Kommentar zu einer systematischen Übersicht angeblich aller bisher in der Literatur beschriebenen, insgesamt 177 Komplikationen, von denen 32 tödlich verliefen, steht die reißerische Überschrift: „Chirotherapie des Nackens: Halsbrecherisch!

    In 70 Prozent der Fälle seien die Therapeuten Chiropraktiker gewesen. Der Kommentator vermutet eine große Dunkelziffer. Er schätzt den Nutzen der Chirotherapie als gering ein.

  2. Zweites Beispiel: „Halswirbel eingerenkt – Schmerzen weg, Patient im Rollstuhl!

    Ein Arzt – Chiropraktiker – habe die Halswirbelsäule eingerenkt. Dabei – welch makabre Vorstellung – seien beide Vertebralarterien unter den Händen des Therapeuten „geborsten“. Eine schwere rechtsseitige Hemiparese sei zurückgeblieben.

Und jetzt das Kontrastprogramm.

Kurze Zeit nach Erhalt der beiden Artikel lese ich in der Tageszeitung: „25.000 Tote durch falsche Medikamente“. Es wird dabei völlig sachlich berichtet, daß 1998 in der Bundesrepublik durch falsche Medikamenteneinnahme 25.000 Patienten zu Tode gekommen seien, bei rund 250.000 seien schwere Nebenwirkungen aufgetreten.

Weiter: „Jährlich 20 Todesfälle in der Bundesrepublik durch Narkose“. Ärzte sprechen bei rund 4,8 Millionen Betäubungen von einer sicheren Disziplin.

Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen: „Bisher 522 Todesfälle durch Viagra“! Die Zahl der tatsächlichen Opfer wird zehnmal höher angenommen, weil die Dunkelziffer hier verständlicherweise sehr groß ist.

Es gehört wirklich nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie die Überschriften gelautet hätten, wenn wir eine solche Legion von Opfern produzieren würden.

Hinter jedem Toten oder zu Schaden Gekommenen steht ein Mensch; dies sollte nie vergessen werden. Schon das Gebot der Fairneß sollte gebieten, alle diese Schicksale gleich zu beurteilen, egal, welche Ursache letztlich zu diesem Schaden geführt hat.

Ich habe viel über die möglichen Ursachen dieser Ungleichbehandlung nachgedacht. Einmal kann es an dem Glauben liegen, bei der Chirotherapie könne absolut nichts passieren. Außerdem liegt es sicherlich auch an der unglücklichen Formulierung „einrenken“. Sie führt nicht nur in den Köpfen der Patienten, sondern auch in den Köpfen der Artikelschreiber zu ganz fürchterlichen Vorstellungen.

Ein klassisches Beispiel ist die Presseäußerung, die Vertebralarterien seien unter den Händen des Chirotherapeuten geborsten.

Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn in der Presse darauf hingewiesen wird, daß in seltenen Fällen Komplikationen eintreten können. Doch sollte dieses in fairer und sachlicher Weise geschehen. Jeder von uns sollte sich gegen eine unfaire Berichterstattung wehren.

Das Wort „einrenken“ sollte aus unserem Sprachschatz verschwinden, denn es wird der Sache nicht gerecht und führt zu Mißverständnissen.

Da Chirotherapeuten Ärzte mit entsprechender Weiterbildung und schon lange keine Außenseiter mehr sind, müssen wir von den Artikelschreibern, zumindest in der Fachpresse, ein Minimum an Sachkenntnis fordern. So wie es in den übrigen ärztlichen Disziplinen der Fall ist.

Leider scheinen viele ärztliche Standeskollegen noch immer nicht begriffen zu haben, daß die Chirotherapie eine ernst zu nehmende, wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethode ist, die zu ausgesprochen guten Ergebnissen führt, ohne medikamentösen Einsatz und mit geringem Risiko.

Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit wir Chirotherapeuten für Komplikationen verantwortlich zu machen sind.

Es gibt zwar drei Gerichtsurteile, nach denen die Ablösung der Intima der Arteria vertebralis als typische, wenn auch seltene Komplikation nach Chirotherapie in Deutschland aufgefaßt wird, dennoch ist die Frage ungelöst, ob es sich dabei nicht um eine Gelegenheitsursache handelt.

In der einschlägigen Literatur werden eine Unmenge von Spontanverschlüssen durch Gelegenheitsursachen beschrieben. Dies reicht von oft kaum erinnerlichen Mikrotraumen bei sportlicher Betätigung bis zum Druck eines Mobiltelefons bei geneigten Kopf. Überhaupt ist der Anteil der Publikationen über cerebrale Schädigungen nach Chirotherapie unangemessen hoch. Die aufgeführten Fälle machen nur 5 Prozent der bei den Versicherungen der Chirotherapeuten eingereichten Klagen aus, nehmen aber einen großen Teil der einschlägigen Literatur ein.

Was können wir selbst zur Verhinderung von Komplikationen tun? Salopp ausgedrückt, entsteht ein Teil der Komplikationen durch schlampige Diagnostik oder schlampige Therapie. Es gibt aber viele Fälle, wo sich Komplikationen auch bei bester Diagnostik und Therapie nicht voraussehen lassen. Ich erinnere dabei nur an die pathologische Zerreißbarkeit der Arteria vertebralis.

Und damit komme ich auf das Wallenbergsyndrom zurück. Um die Jahrhundertwende haben Wallenberg und andere ein neurologisches Syndrom beschrieben, welches folgende Kardinalsymptome aufweist: Heftige einseitige Nackenschmerzen, dazu eine meist einseitige Ataxie beziehungsweise Fallneigung zur nicht betroffenen Seite, Schluckbeschwerden, Sehbehinderung, eventuell Nystagmus, verwaschene, undeutliche Sprache, Parästhesien, Hypästesien, Lähmungen. Auch werden bei Gefäßstörungen oft klopfende, pochende Kopfschmerzen angegeben.

Achten Sie also auf solche Hinweise, auch wenn sie nur diskret vorhanden sind. Das Wallenbergsyndrom kommt nicht nur bei jungen Frauen vor, sondern kann in jedem Lebensalter vorkommen. Viele Studien bezeichnen ältere Männer als verstärkt gefährdet. Wobei Männer gegenüber Frauen dreimal stärker betroffen sind.

Gerade Patienten mit einem spontanen Wallenbergsyndrom klagen einige Wochen vorher über Nacken-Kopfschmerzen, wobei keinerlei Hinweise auf eine kritische Situation bestehen.

Wenn jetzt noch Blockierungszeichen hinzu kommen und eine Chirotherapie durchgeführt wird, dann wird einem vorgezeichneten Verlauf – im wahrsten Sinn des Wortes – vorgegriffen und dem Chirotherapeuten eine Schuld zugesprochen.

Diese bestand aber höchstens darin, daß er manipuliert hat, weil er einen Nebenbefund, nämlich die Blockierung für den Hauptbefund gehalten hat, da der Hauptbefund nicht erkennbar war.

In der gesamten Literatur wird immer wieder vor der Überstreckung und Rotation der Halswirbelsäule gewarnt und dies als Hauptursache von Komplikationen angesehen.

Deswegen komme ich auch auf die Umfrage aus der Schweiz zurück. Bei dieser Umfrage wird auch die angewendete Technik genau beschrieben, ich zitiere wörtlich:

Zur Manipulation des Kopfgelenkes wird der Kopf in rascher Folge rotiert, rekliniert und extendiert. In der Endstellung mit vollständiger Verriegelung der oberen Halswirbelsäule erfolgt ein kleiner Extensionsimpuls.

Damit ist meines Erachtens die hohe Komplikationshäufigkeit, insbesondere die hohe Anzahl von Schwindel und Bewußtlosigkeit zu erklären. Wie Sie alle wissen, ist bei uns eine derartige Grifftechnik verpönt.

Unsere Griffe hingegen wurden seit Karl Sell so weiterentwickelt, daß alle diese Gefahrenquellen berücksichtigt und ausgeschaltet wurden.

In vielen Fällen erfolgt bereits bei der Anlage eine Deblockierung; deshalb genügt in der geringen Anzahl der verbleibenden Fälle ein minimaler Impuls.

Ein gut ausgebildeter und verantwortungsbewußter Chirotherapeut hat keinen Grund, auf eine Chirotherapie aus Angst vor Komplikationen zu verzichten.

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